Ein graphologisches Gutachten der Handschrift von Alfred Cortot (1877 - 1962) erbrachte das Ergebnis „doué pour tout“ (für alles begabt). Diese potenzielle Aussage (die sich im Übrigen nahtlos an das Seminar-Generalthema von 2011 Mehrfachbegabungen anschließt) erhellt die vielfältigen Tätigkeiten dieses Mannes. Man könnte denken, dass einer solchen Einschätzung ein abwechslungsreiches und glatt verlaufendes Leben entspräche. Die zahlreichen Bereiche seiner Arbeit vereinten sich in dieser Person sicherlich nicht nur zu gegenseitiger Befruchtung, sondern sie bargen auch die Gefahr der Behinderung. Als sich der Neunjährige am Pariser Conservatoire vorstellte, hielt man seine Begabung für nicht ausreichend. Er wurde abgelehnt. Der 1829 geborene Émile Descombes jedoch, der noch bei Chopin Unterricht gehabt haben soll und eine Vorbereitungsklasse betreute, glaubte in Alfred eine besondere Begabung zu spüren und erlaubte ihm, in seiner Klasse zu hospitieren. Bei einer zweiten Bewerbung wurde er dann aufgenommen. Die Beurteilung seiner Leistungen war jedoch so negativ („brutales Spiel, schlägt auf die Tasten“), dass er vor der Situation stand, das Conservatoire endgültig verlassen zu müssen. Durch Einflüsse eines Kommilitonen, Édouard Rizler, von dem Cortot später sagte „il m‘a revélé la musique“ (er hat mir den Weg zur Musik eröffnet), notierte der Direktor nun in begeisterten Worten, was für ein wundervoller, sensibler und großer Interpret er inzwischen geworden sei. Auf Initiative von Rizler ging der Achtzehnjährige als Korrepetitor nach Bayreuth und wurde zum begeisterten Wagnerianer. Er organisierte mehrere Aufführungen von Wagner-Opern in Paris, darunter die Erstaufführung der Götterdämmerung an zwei Klavieren. Dafür musste er sich erhebliche Summen Geldes leihen. Um das Defizit abzudecken, sah er sich gezwungen, Konzerte zu geben, um seine Schulden zu begleichen (so etwas ging offenbar damals!). Das Conservatoire bot ihm 1907 eine Klavierklasse an, die er jedoch nach zehn Jahren wieder verließ. Lange glaubte ich, er wollte seine Zeit und Kraft nun vorwiegend als Pianist einsetzen, bis ich stutzig wurde, dass er nur wenige Jahre später zusammen mit Auguste Mangeot, dem Direktor der Zeitschrift Le monde musical, 1919 die École Normale de Musique gründete. Warum das? Die Praxis am Conservatoire sah eine Reihe von Pflichtstücken vor, die studiert werden mussten. Es waren Werken von (wie man heute sagen würde) Composer-Performern. Die Meisterwerke der großen Komponisten spielten dabei eine relativ geringe Rolle. Weitere Gründe waren der Ausschluss von Ausländern und hauptsächlich die Abwesenheit einer Musiklehrerausbildung (eine école normale ist eine Lehrerbildungsanstalt). Die Leitung dieser Anstalt erlaubte es ihm, ganz so zu verfahren, wie er es für richtig und notwendig erachtete. Das Konzept, das leider hier nicht detailliert beschrieben werden kann, war beeindruckend. Nur so viel: Es enthielt Angaben über die Art des Unterrichts, wie viel die Schüler üben und welche Ausgaben benutzt werden sollten. Zudem fanden Meisterkurse statt. Er engagierte dafür die bedeutendsten Musiker für jeweils eine Woche im Jahr. Alle Kurse waren öffentlich. Die Liste war atemberaubend und enthielt die wesentlichen in Paris lebenden Künstler: Pablo Casals, Wanda Landowska, Jacques Thibaud, Arthur Honegger, Igor Strawinsky etc. Er gründete zwei Orchester, mit denen er Proben - lectures publiques genannt - vor Publikum abhielt, um so den Anwesenden einen Zugang zu zeitgenössischer Musik zu ermöglichen. Er verfasste ein drei Bände umfassendes Werk über La musique française de piano, ein Buch über Chopin sowie Studienausgaben zahlreicher Werke des romantischen Klavierrepertoires versehen mit umfangreichen Kommentaren. Er besaß eine riesige Sammlung von Erstausgaben und Autographen. Er machte eine Fülle von Tonaufnahmen zunächst für Selbstspielklaviere, später für Schallplatten. Seine öffentlichen Auftritte umfassten nicht nur Sololiteratur, sondern auch Kammermusik und Liedbegleitungen. Die öffentliche Meinung über ihn war geteilt. Sie neigte sich aber mit der Zeit mehr und mehr dazu, in ihm einen der bedeutendsten Pianisten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu sehen. Der Verfasser dieses Beitrages teilt diese Meinung.
Günter Reinhold